Manchmal reicht ein einziger Raum voller Gleichgesinnter, um eine schleichende Wahrheit glasklar werden zu lassen. Bei einem Netzwerktreffen für HR Professionals wurde es mir neulich wieder spürbar bewusst: Der Austausch unter Peers tat allen sichtlich gut, doch schnell kam die Sprache auf das gemeinsame Dilemma. Egal ob Head of HR, VP People oder Director Talent – alle beklagten unisono dieselbe Dynamik: „In meinem eigenen Unternehmen kann ich diesen Austausch auf Augenhöhe mit niemandem führen. Nicht einmal im eigenen Management-Team.“
HR ist die Anlaufstelle für alles. Die Feuerwehr, wenn es brennt, der Fels in der Brandung bei Restrukturierungen, das offene Ohr für die Sorgen der Belegschaft und der strategische Sparringspartner für die Geschäftsführung. Doch genau hier entsteht ein psychologisches Vakuum.
Das Dilemma der vermeintlichen Unfehlbarkeit
Als HR-Verantwortlicher trägt man eine unsichtbare, aber tonnenschwere Rüstung. Von außen betrachtet – und oft genug vom eigenen Executive-Board erwartet – weiß die Personalleitung immer ganz genau, was zu tun ist. Sie hat auf jede arbeitsrechtliche, zwischenmenschliche oder organisatorische Krise sofort die passende Antwort.
Doch hinter der Professionalität steht ein Mensch.
Wenn ich an meine eigenen über 20 Jahre in HR-Funktionen zurückdenke, kenne auch ich dieses Gefühl der absoluten Isolation. Besonders in meinen frühen Jahren als junge Personalleiterin wurde ich ohne Vorwarnung mit extremen menschlichen Abgründen konfrontiert: Diebstahl im großen Stil, ein Fall von Vergewaltigung innerhalb der Belegschaft und sogar Ermittlungen wegen Kinderpornografie.
Ich weiß noch genau, wie sich diese Tage anfühlten: überwältigend, beklemmend und extrem einsam. Nach außen hin schützt man das Unternehmen, wahrt die Disziplin und leitet die notwendigen Schritte ein. Aber wohin geht man selbst mit der eigenen Bestürzung? Mit den Zweifeln, den Zukunftsängsten, der Wut oder schlicht dem Gefühl, im ersten Moment überhaupt keine Lösung zu haben?
Vom Schock zur Klarheit: Das Verständnis unserer Erlebenswelt
Heute, nach all den Jahrzehnten, gibt es im HR-Bereich kaum noch etwas, das mich überraschen kann. Eine gewisse professionelle Abgeklärtheit stellt sich zwangsläufig ein – nicht aus Kaltherzigkeit, sondern als Schutzmechanismus.
Doch Rückblickend wird mir klar: Wir müssen als HR-Schlüsselfiguren nicht erst durch Jahre der Isolation gehen, um Stabilität zu finden. Unsere mentale Belastung entsteht selten durch die Aufgaben an sich, sondern durch den Druck unseres eigenen Denkens über die Situation. Wenn wir verstehen, wie unsere Wahrnehmung im Inneren entsteht – dass Unsicherheit und Überforderung natürliche Momente unseres menschlichen Systems sind und nicht das Ende unserer Kompetenz –, verändert sich der Blickwinkel radikal.
Echte Souveränität entsteht nicht dadurch, nie wieder Zweifel zu haben. Sie entsteht dadurch, einen sicheren Raum zu haben, in dem diese Zweifel existieren dürfen, ohne die eigene Führungsrolle zu gefährden.
Wer fängt die HR auf?
Führungskräfte haben HR. Mitarbeiter haben den Betriebsrat oder HR. Doch wer hört der HR-Leitung zu? Wer hilft beim Sortieren emotional komplexer Fälle? Und wer sorgt dafür, dass Erlebtes gesund verarbeitet wird, anstatt als leise Erschöpfung im System hängenzubleiben?
Im eigenen Management-Team ist dieser Raum oft nicht gegeben – zu stark sind Rollenkonflikte, politische Dynamiken oder schlicht das Bedürfnis, Stärke zu signalisieren.
Genau aus diesem Grund habe ich meine Arbeit nicht nur der Begleitung von Führungskräften verschrieben, sondern ganz besonders der Arbeit mit HR-Verantwortlichen. Weil ich beide Seiten kenne: Die strategische Härte des Jobs, den man steuern muss, und die menschliche Tiefe, die man dabei im Verborgenen trägt.
Ein vertrauliches Mentoring für HR-Professionals ist kein klassisches Coaching mit vorgefertigten Standard-Tools. Es ist ein geschützter Raum auf echter Peer-Ebene. Ein Raum zum Durchatmen, zum Neu-Sortieren, zum Reflektieren der eigenen inneren Haltung – und zum Finden von Klarheit, wenn der Nebel im Außen am dichtesten ist.
Wenn Sie sich in diesen Worten wiederfinden und das Gefühl kennen, immer nur der Auffangschirm für andere zu sein: Sie müssen diese Themen nicht allein im Stillen mit sich ausmachen. Lassen Sie uns gerne ins Gespräch kommen – ganz ohne Maske, auf Augenhöhe von Personaler zu Personaler.