Kennst du diesen kurzen, wunderbaren Moment? Du hast an dir gearbeitet, Bücher gelesen, gecoacht, reflektiert. Und plötzlich macht es Klick. Ein Gefühl von tiefer Klarheit stellt sich ein. Fast wie ein kleiner Blick in Richtung Erleuchtung. Du lehnst dich zurück und denkst erleichtert: Gott sei Dank, dieses Thema habe ich verstanden. Ich bin damit durch.
Und dann? Ein paar Wochen oder Monate später kommt eine völlig unscheinbare Situation. Oder ein bestimmter Mensch. Und zack – da ist es wieder. Dieses vertraute, alte Gefühl im Bauch.
Mein erster Impuls vor ein paar Tagen, als mir genau das passiert ist? Verdammte Axt, nicht das schon wieder! Ich war genervt. Sogar ein bisschen wütend auf mich selbst. Man hat schließlich einen gewissen Anspruch an sich. Man investiert Jahre in die eigene Entwicklung, um dann festzustellen: Ich stehe schon wieder an derselben Stelle?
Doch beim zweiten Hinsehen – als die erste emotionale Welle verflogen war – wurde mir klar: Nein, ich stehe eben nicht an derselben Stelle.
Die Wendeltreppe des Lebens
Entwicklung verläuft nicht linear von A nach B. Sie gleicht vielmehr einer Wendeltreppe. Wenn ein Thema wieder auftaucht, stehst du zwar vertikal gesehen über demselben Punkt – aber eine Etage höher.
Als ich mein „altes“ Thema vor wenigen Tagen betrachtete, spürte ich den Unterschied sofort:
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Der Blickwinkel war verändert: Ich verfiel nicht mehr in die alte Ohnmacht oder das gewohnte Reaktionsmuster.
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Die Handlungsfähigkeit war da: Ich konnte beobachten, was in mir passiert, ohne mich sofort davon mitreißen zu lassen.
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Die Bewertung war anders: Statt Verurteilung stellte sich eine tiefe Dankbarkeit ein.
Ich war nicht mehr dieselbe Person wie beim letzten Mal. Und das ist der entscheidende Punkt: Der Reiz liegt nicht darin, ein Thema für immer abzuhaken, sondern zu erkennen, wie viel gelassener und souveräner wir ihm heute begegnen.
Die Illusion des „Fertigseins“
In unserer leistungsorientierten Welt sind wir darauf konditioniert, Ergebnisse zu liefern und Haken hinter Aufgaben zu machen. Wir wollen ein Projekt abschließen – und genauso wollen wir emotionale Baustellen „abarbeiten“.
Aber ist die Erwartung, mit sich selbst irgendwann „fertig“ zu sein, überhaupt realistisch?
Ehrlich gesagt: Wir wissen im Grunde sehr wenig darüber, warum manche Wege so anstrengend erscheinen oder warum uns bestimmte Lebensthemen immer wieder in neuen Gewändern begegnen. Vielleicht ist es gar kein Fehler im System, sondern genau das Prinzip des Lebens. Jedes Wiedersehen mit einer alten Hürde ist eine Einladung, noch ein Stück tiefer zu blicken, neu anzusetzen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.
Wenn dir deine eigenen Themen gegenübertreten
Besonders faszinierend finde ich, wie subtil und präzise das Leben diese Spiegel aufstellt. In meiner Arbeit erlebe ich das immer wieder: Häufig sitzt mir im Coaching eine Klientin gegenüber, die exakt mein Thema mitbringt – nur in einem anderen Gewand und an einem anderen Punkt ihrer Reise.
Das ist kein Zufall, sondern eine wunderbare Dynamik. Weil ich den Punkt, an dem sie gerade steht, aus eigener Erfahrung noch sehr gut nachempfinden kann, schwingt eine tiefere Empathie mit. Ich kenne die Stolpersteine auf diesem Streckenabschnitt. Gleichzeitig habe ich durch meinen eigenen Abstand die nötigen Impulse und Perspektiven, um sie sicher von dort aus weiterzubegleiten.
Wir lernen und wachsen nie isoliert. Wir wachsen aneinander.
Ankommen bei dir selbst
Vielleicht ist genau das der Weg: Über das stetige Bewusstwerden – Schicht für Schicht – immer mehr bei sich selbst anzukommen. Ohne den Druck, perfekt sein zu müssen. Ohne den Anspruch, alles gelöst zu haben.
Möglicherweise ist das auch eines der schönsten Privilegien des Älterwerdens und der Lebenserfahrung: Dass wir die Dinge nicht mehr so dramatisch nehmen. Dass wir das Spiel durchschauen, schmunzeln können, wenn ein altes Thema um die Ecke biegt, und sagen: „Ah, hallo alter Bekannter. Mal sehen, was du mir diesmal zeigst.“
Wenn du das nächste Mal genervt bist, weil sich ein altes Muster meldet: Halte kurz inne. Atme durch. Und schau mal genau hin, wie viel weiter du heute schon bist als beim letzten Mal.
Wie geht es dir mit Wiederholungstätern in deiner persönlichen Entwicklung? Erkennst du deine Themen in deinem Umfeld oder Beruf wieder? Ich freue mich auf deinen Gedanken dazu in den Kommentaren.